EU-Gebäuderichtlinie: Klimabilanz wird Vergleichsmaßstab für neue Häuser

Ein neues Haus kann einen sehr geringen Energieverbrauch haben und trotzdem eine schlechte Klimabilanz mitbringen. Sie entsteht, bevor die erste Familie einzieht: bei der Herstellung von Zement, Ziegeln, Stahl, Dämmstoffen und Holzwerkstoffen. Bisher tauchte dieser Teil in keinem Energieausweis auf. Das ändert sich. Mit der Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie wird die Klimawirkung eines Hauses über seinen gesamten Lebenszyklus sichtbar und damit vergleichbar.

Treibhausgasemissionen über den gesamten Lebenszyklus

Grundlage ist die europäische Gebäuderichtlinie EPBD. Deutschland hat sie mit dem Gebäudemodernisierungsgesetz umgesetzt. Bundestag und Bundesrat haben es im Juli 2026 verabschiedet, die wesentlichen Regeln gelten seit dem 29. Juli 2026. Neu ist die Pflicht, die Treibhausgasemissionen eines Neubaus über den gesamten Lebenszyklus zu ermitteln. Sie gilt ab dem 1. Januar 2028 für Gebäude mit mehr als 1.000 Quadratmetern Nutzfläche. Ab 2030 gilt sie für alle Neubauten, also auch für das Einfamilienhaus.

Die Ökobilanz umfasst die Herstellung der Baustoffe, den Bau, den Betrieb und den späteren Rückbau. Berechnet wird nach einer einheitlichen Methode. Das Ergebnis erscheint im Energieausweis. Den Bericht erstellt eine Fachperson mit Fortbildung in Ökobilanzierung, etwa ein Energieberater. Grenzwerte gibt es noch nicht. Vorerst geht es darum, die Werte zu ermitteln und auszuweisen. Verbindliche Obergrenzen sollen später folgen. Wer heute mit dem KfW-Programm „Klimafreundlicher Neubau“ baut, kennt das Verfahren bereits: Dort ist eine Lebenszyklusanalyse schon jetzt Voraussetzung für die Förderung.

Warum die Baustoffe an Gewicht gewinnen

Lange galt: Die Klimawirkung eines Hauses entsteht vor allem beim Heizen. Das stimmt immer weniger. Bei einem Haus nach dem Standard der EnEV 2014 wird in der Regel angenommen, dass die Konstruktion rund 30 Prozent der Umweltwirkungen im Lebenszyklus ausmacht. Bei einem sehr effizienten Haus steigt laut Studie der Anteil auf rund 70 Prozent. Das hat eine Auswertung im Auftrag des Umweltbundesamts gezeigt. Die Logik dahinter ist einfach. Je weniger Energie ein Haus im Betrieb verbraucht, desto stärker fällt bei der Klimabilanz ins Gewicht, was in seinen Wänden, Decken und Fundamenten an Energieaufwand steckt. Mit einem guten Energiestandard ist die Klimafrage deshalb nicht beantwortet. Die Wahl der Konstruktion entscheidet mit.

Holz und Mauerwerk im Vergleich

Wie schneiden Holz- und Massivbau ab? Die Antwort hängt stark davon ab, wie gerechnet wird. Das Umweltbundesamt hat 2020 in einem Review 25 vergleichende Ökobilanzen von Häusern ausgewertet. In allen Studien bis auf eine Studienreihe zeigte die Holzbauweise ein geringeres Treibhauspotenzial. Das galt unabhängig davon, welcher mineralische Baustoff zum Vergleich diente, und für die Herstellung ebenso wie für den Lebenszyklus bis zur Entsorgung. Die Unterschiede zwischen den Studien sind allerdings groß. Betrachtungszeitraum, angenommene Lebensdauer der Bauteile und Datenbasis verschieben die Ergebnisse erheblich. Die einzige abweichende Studienreihe kommt zu dem Schluss, dass der Massivbau über den gesamten Lebenszyklus mindestens gleichwertig ist. Sie rechnet mit 50 und 80 Jahren Nutzungsdauer und setzt für Holzbauteile häufigere Austauschzyklen an. Der Vorteil des Holzbaus in der Klimabilanz entsteht durch die Herstellung der Holzbauteil. Dabei werden weniger Treibhausgase freigesetzt. Auch ein Holzhaus verursacht also Emissionen, aber nach den meisten Studien sind es weniger als bei einem vergleichbaren Massivhaus.

Wo Bauherren Einfluss haben

Die Klimabilanz entsteht aus vielen Einzelentscheidungen. Die Konstruktion ist die größte, aber nicht die einzige. Ein Keller aus Beton verringert den Abstand zwischen Holz- und Massivbau, weil er viel mineralisches Material bindet. Eine kompakte Bauform braucht weniger Material pro Quadratmeter Wohnfläche. Und die Haustechnik zählt mit: Auch Wärmepumpe, Lüftungsanlage und Photovoltaik haben eine Herstellungsbilanz.

Auch der Dämmstoff spielt eine Rolle. Bei einem Karlburger-Haus kommen Holzfaser- oder Zellulosedämmung infrage, also Dämmstoffe auf Basis von Holz und Altpapier. Welche Variante für ein bestimmtes Haus besser abschneidet, zeigt erst die Rechnung. Genau hier hilft die Vorfertigung. Bei uns ist jedes Wand-, Decken- und Dachelement vollständig geplant, bevor wir es in unserer Halle in Karlburg fertigen. Die Mengen an Holz, Dämmstoff und Plattenwerkstoffen stehen damit früh und genau fest. Diese Mengen braucht ein Energieberater für die Ökobilanz. So lassen sich Varianten durchrechnen, solange sie noch Varianten sind: Holzfaser oder Zellulose, Bodenplatte oder Keller.

Ein Vergleichsmaßstab für Jahrzehnte

Noch ist die Klimabilanz eine Zahl ohne Grenzwert. Ab 2030 steht sie aber im Energieausweis jedes neuen Hauses, lesbar für Käufer, Mieter und Banken. Damit wird sie zum Vergleichsmaßstab, so wie es die Effizienzklasse heute schon ist. Für Häuser, die heute geplant werden, ist die Bilanz meist noch freiwillig. Sinnvoll ist sie trotzdem, denn ein Haus steht für Jahrzehnte. Wer baut, sollte deshalb zwei Zahlen im Blick haben: wie viel Energie sein Haus verbraucht und wie viel Klimawirkung schon in ihm steckt. Ein Teil der Klimaentscheidung fällt künftig nicht beim Heizungskauf, sondern bei der Wahl der Konstruktion.